Die Presse über Uli Masuth

Göttinger Tageblatt

Uli Masuth: "Glaube, Hoffnung, Triebe" / Kabarett im Apex/Unverschämter Therapeut: Uli Masuth.

Kabarettisten müssen desillusioniert sein und dürfen an nichts glauben, sagt Uli Masuth, der am Sonnabend auf der Bühne des Apex stand. Demnach ist der Mann aus dem Ruhrpott nur ein halber Kabarettist: In der Tat ist er von Beruf Kirchenmusiker und Chorleiter. Dass er dennoch an etwas glaubt, machte sein Programm "Glaube, Hoffnung, Triebe" keineswegs fade. Es verlieh ihm die schwere, bittere Würze des Enttäuschten.

Schon nach zehn Minuten hat Masuth eine ganze Reihe Leute beleidigt und bloßgestellt - nicht nur sich selbst, sondern ebenso das Publikum und jede Menge Politiker. Joschka Fischer, der "Gottvater der Grünen"? Kann nicht zurücktreten, weil er sich selbst das Gütesiegel der Unersetzbarkeit verliehen hat. Urlaub in der Tsunami-Region? Wem der Verwesungsgeruch nicht auf die Bronchien schlägt, sollte keine Probleme haben. Masuth sagt's, wie es ist, unverschämt und ohne sprachliche Verrenkungen, auf den Punkt. Manchmal reicht es aus, an der Oberfläche zu kratzen, um das Elend aufzudecken.

Zwischen seinen Texten, setzt er sich ans Klavier und spielt kleine, ruhige, verträumte Stücke mit wunderlichen Namen wie "Ein südfranzösisches Murmeltier träumt vom Fliegen". Die habe
er zur Therapie von psychisch erkrankten Tieren komponiert, sagt er dann.

Fraglos: Das ist die Beruhigung, die sich der Musiker selbst verordnet hat angesichts des ganzen Wahnsinns da draußen. Etwa, dass Schulkinder nicht nur immer dicker werden
("Altersdiabetes jetzt schon bei Schulkindern", "die kleinen Fresser sterben vor den Eltern")
und dümmer werden ("die SPD will Elite-Unis aus dem Boden stampfen - ich frage mich nur,
wer soll da hingehen?"). Oder, dass Flick-Erbe Friedrich Christian Flick eine millionenteure
Kunst-Ausstellung vom Bundeskanzler eröffnen lässt - aber keinen Cent in den Entschädi-
gungsfond für Zwangsarbeiter eingezahlt hat. Oder, dass jemand, der gesund lebte, mit 50
Jahren an Krebs stirbt. Oder, dass Gottesdienst-Besucher schnarchig und gelangweilt ihre
Zeit absitzen. Die Liste ist viel zu lang. Therapie haben nicht nur Murmeltiere nötig. Vielen
Dank! Gero Franitza

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